Der Amazonas-Regenwald brennt – verheerender als je zuvor. Sieben Anrainer wollten bei einem Gipfel im kolumbianischen Leticia die Lunge der Erde retten. Herausgekommen ist ein Pakt, der unter Experten für wenig Hoffnung sorgt.

Im Ringen um den Schutz des Amazonas-Regenwalds haben sich Staatschefs aus sieben südamerikanischen Staaten bei einem Treffen auf wenig konkrete Maßnahmen verständigen können. Zwar einigten sich Kolumbien, Peru, Brasilien, Ecuador, Bolivien, Suriname und Guyana am Freitag im kolumbianischen Leticia auf den Austausch von Wetterdaten und andere Schritte, um Bergarbeitern, Holzfällern und Farmern die illegale Brandrodung zu erschweren. Doch äußerten Experten Zweifel, ob eine solche multilaterale Kooperation die Abholzung tatsächlich aufhalten könne. Zudem legte das Treffen die tiefen ideologischen und politischen Gräben mit Blick auf eine nachhaltige Entwicklung in der Amazonas-Region offen.

Einberufen worden war die Zusammenkunft vom kolumbianischen Präsidenten Iván Duque und seinem peruanischen Kollegen Martín Vizcarra, nachdem der massive Anstieg von Bränden im brasilianischen Teil des Gebiets international mit großer Besorgnis registriert worden war. Seit Jahresbeginn wurden mehr als 95.000 Feuer in Brasilien gezählt – eine Zunahme von 59 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wie aus Daten der Regierung in Brasilia hervorgeht. Auch das benachbarte Bolivien hat massiv mit Amazonasbränden zu kämpfen.

Bolsonaro in alter Manier

Gerade dem Amazonas-Regenwald kommt eine wichtige Rolle zu, weil er große Mengen von Kohlenstoff in der Erdatmosphäre bindet. Der Schutz des Gebiets, der schon 1978 mit einem Pakt der acht Amazonas-Länder in den Fokus gerückt war, ist zuletzt immer mehr vernachlässigt worden. Drogenhandel sowie die zunehmende Ausbeutung der Wälder etwa durch illegalen Bergbau ließ die Kooperation in den Hintergrund rücken. Für international Unmut sorgte jüngst vor allem der ultrarechte brasilianische Staatschef Jair Bolsonaro, dem Gleichgültigkeit in Umweltfragen vorgeworfen wird.

Per Video zur Konferenz zugeschaltet, griff Bolsonaro wieder einmal seine Kritiker scharf an: Sozialisten, indigene Gruppen und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron. Den Akteuren warf er vor, sich der Reichtümer des Amazonas-Gebiets bemächtigen zu wollen. Oder es gehe ihnen darum, eine Region von mehr als 34 Millionen Menschen von der modernen Welt abzuschneiden. “Diese internationale Empörung hat nur das Ziel, Brasiliens Souveränität anzugreifen”, erklärte Bolsonaro, der wegen medizinisch bedingten Reisebeschränkungen nicht vor Ort sein konnte.

“Wir töten die Erde”

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums überraschte der im Amazonas-Gebiet geborene Präsident Ecuadors, Lenin Moreno, mit einer emotionalen Hommage an seine Heimat. Er würdigte das vielfältige Tier- und Pflanzenleben, unter dem er aufgewachsen sei. Moreno sang auch. “Wir töten die Erde”, erklärte er. Als er von seinem Flug über den Amazonas-Fluss berichtete, kämpfte er mit den Tränen. Der Strom habe einer gigantischen, toten Anakonda geglichen. “Und wir alle sind verantwortlich”, sagte er.

Sein bolivianischer Kollege Evo Morales sprang ihm bei. Die Schuld an der Zerstörung des Amazonas-Regenwalds sah er beim Kapitalismus. “Die Profite, der Luxus und das Konsumverhalten, die einige wenige genießen, richtet großen Schaden bei jenen an, die die Erde bevölkern”, sagte er. “Unser Planet kann ohne Menschen existieren, doch die Menschheit kann nicht ohne Mutter Erde existieren.”

Fachleute zeigten sich skeptisch, ob der in Leticia vereinbarte Aktionsplan mit insgesamt 16 Punkten tatsächlich Früchte tragen wird. “Viele dieser Länder haben noch nicht einmal genügend Kapazität, um illegale Aktivitäten in ihren eigenen Grenzen zu bekämpfen”, sagte Adriana Ramos von der brasilianischen Forschungseinrichtung Instituto Socioambiental.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. September 2019 um 04:52 Uhr.

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