WELT: Frau Kurschus, was dachten Sie, als viele Mitglieder des neuen Bundeskabinetts, darunter Kanzler Olaf Scholz (SPD), bei ihrer Vereidigung den Gottesbezug „So wahr mir Gott helfe“, wegließen?

Annette Kurschus: Das ist mir aufgefallen und hat mich beschäftigt. Es geht dabei weniger um die Relevanz der Kirche für die Politik, als vielmehr um die Frage, welches Lebensgefühl sich hier ausdrückt. Aus meiner Sicht braucht jeder Mensch für ein hohes Leitungs- und Regierungsamt auch Kräfte, die nicht allein aus ihm selbst kommen.

Das Bewusstsein, dass solche Ämter eigentlich für jeden Menschen eine Überforderung sind, kann auch entlastend sein. Für mich drückt sich dieses Bewusstsein aus in der Wendung „so wahr mir Gott helfe“.

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WELT: Also geht es nicht vorrangig ums Bekennen von Kirchlichkeit?

Kurschus: Nein, bei den Vereidigungen war das ja auch nicht deckungsgleich: Manche, die keiner Kirche angehören, benutzten die Formel, während einige Kirchenmitglieder sie wegließen. Auch für den Verzicht auf die Zusatzformel gibt es ja christliche Gründe. Es geht offensichtlich eher um den Ausdruck einer Lebenshaltung.

WELT: Aber wer nicht glaubt, dass es eine äußere Kraft im religiösen Sinne gibt, kann diese bei einem so wichtigen Akt wie einer Vereidigung doch nicht ansprechen.

Kurschus: Darüber kann und mag ich mir kein Urteil anmaßen. Mich persönlich überzeugt es, wenn jemand bekundet, auf eine Kraft angewiesen zu sein, die sich der menschlichen Verfügung entzieht. In dieser Haltung steckt eine angemessene Demut im Wissen um die eigene Begrenztheit. Niemand von uns hat sein Leben bis ins Letzte hinein in der Hand. Das merken alle, ob sie nun an Gott glauben oder nicht.

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WELT: Von den grünen Ministerinnen und Ministern hat niemand diese Formel benutzt. Fanden Sie das nicht erstaunlich, da doch das Verhältnis zwischen den Grünen und der evangelischen Kirche schon wegen großer Übereinstimmungen bei Klimaschutz und Flüchtlingspolitik sehr groß sind?

Kurschus: Ich habe das bemerkt. Aber ich kann und will das nicht bewerten.

WELT: Den Verzicht auf den Gottesbezug scheinen viele Bürger als angemessene Bekundung einer Abwendung vom Glauben zu verstehen, die sich ja auch sonst vollzieht. Ist es insofern nicht sogar wichtig, dass die Kirchen mit diesem Großtrend nun auch im Bundestag konfrontiert werden?

Kurschus: Der Gebrauch des Gottesbezugs bei der Vereidigung taugt weder zur Gesellschaftsanalyse noch zur Bewertung kirchlicher Relevanz, er ist etwas ganz und gar Persönliches.

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WELT: Generell werden Sie jenen Großtrend schwindender Relevanz nicht infrage stellen, oder?

Kurschus: Ehrlich gesagt: Mein Fokus liegt nicht auf der Relevanz-Frage. Es hat etwas von kirchlicher Nabelschau, wenn wir uns immerzu fragen, welche gesellschaftliche Bedeutung und Resonanz wir haben und wie wir „ankommen“. Wenn Jesus dauernd danach gefragt hätte, welche Wichtigkeit er hat, wäre wenig passiert.

Mir geht es vielmehr darum, wie wir das, wovon wir Christen leben und was uns trägt, in die Welt tragen – so, dass es Menschen erreicht und berührt.

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WELT: Was ist dabei zentral?

Kurschus: Wir bringen einen eigenen Ton in die Welt. Dieser Ton speist sich aus der Verheißung: Gott, der die Welt ins Leben rief, wird sie auch zu einem guten Ziel führen. Solche Gewissheit hilft uns zu einem anderen Blick, der nicht von Angst getrieben ist, sondern von Hoffnung beflügelt.

Dass Gott es am Ende gut machen wird, gibt uns keine Narrenfreiheit. Im Gegenteil, wir sind in Gottes Spur gerufen. Nichts, was wir in seiner Nachfolge tun, wird vergeblich sein. Gegründete Hoffnung ist eine völlig andere Motivation als die ängstliche Sorge vor dem Weltuntergang.

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WELT: Was heißt das jetzt zu Weihnachten?

Kurschus: Der diese Welt in Händen hält, macht sich selbst verletzlich, kommt als hilfsbedürftiger Säugling zur Welt, wird Mensch unter Menschen. Seine Verletzlichkeit hat er ausgehalten bis in den Tod – und daraus wurde neues Leben. Die Verletzlichkeit ist offenbar nicht das Ende, im Gegenteil: In ihr steckt eine verwandelnde Kraft. Dieses Geheimnis feiern wir zu Weihnachten.

WELT: Warum aber wird so oft suggeriert, Jesus sei in Armut geboren worden? Dass Maria und Josef arm waren, steht nicht in der Bibel; Josef hatte als Baumeister, griechisch Tekton, einen vermutlich einträglichen Beruf. Und in die Krippe gelegt wurde das Kind, weil in der Herberge sonst kein Platz war – aber Platz für Maria und Josef –, und weil es bei den Tieren warm war. Das war für damalige Verhältnisse nicht „arm“!

Kurschus: Die Armut verstehe ich im übertragenen Sinne. Maria und Josef hatten nichts Besonderes vorzuweisen, um das göttliche Kind zur Welt zu bringen. Sie waren Menschen wie Sie und ich. Niemand muss Vorbedingungen erfüllen, um an der Krippe willkommen zu sein. In diesem Sinne ist jeder Mensch „arm“ vor Gott – er muss nichts mitbringen, um von Gott angesehen zu sein. Auch nicht einen besonders festen Glauben.

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WELT: Wie werden denn evangelische Gemeinden in diesem Jahr Weihnachten feiern? Ausfallen wie im vorigen Jahr sollen die Gottesdienste ja nicht.

Kurschus: Ausgefallen sind die Gottesdienste auch im vergangenen Jahr nicht. Sie wurden auf andere Weise gefeiert. Alle, die in diesem Jahr zu Weihnachten einen Gottesdienst feiern wollen, werden dazu die Gelegenheit haben. Wegen der sehr unterschiedlichen Corona-Inzidenzen und der jeweiligen Regeln in den Bundesländern gibt es dabei keine EKD-weiten Einheitsempfehlungen.

In meiner westfälischen Landeskirche empfehlen wir 2G für die Gottesdienste in geschlossenen Räumen an Heiligabend, wobei Kinder als immunisiert gelten. Überall wird es in erreichbarer Nähe auch Gottesdienste nach 3G-Regeln geben, entweder unter freiem Himmel oder mit den entsprechenden Abständen und Schutzkonzepten in Innenräumen. Es hat also jeder Mensch die Möglichkeit, in einem Gottesdienst willkommen zu sein.

„Bei Gott wird niemand abgewiesen“

Angesichts der Corona-Pandemie bieten die Kirchen Weihnachtsgottesdienste auf kreative Weise an. Dr. Christian Stäblein, Landesbischof Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, erklärt bei WELT, unter welchen Voraussetzungen man an Gottesdiensten teilnehmen kann.

Quelle: WELT / Nele Würzbach

WELT: In vielen Kirchen werden dann also die Impfzertifikate geprüft.

Kurschus: Ja, das ist nötig. Etliche Gemeinden lösen das über Voranmeldungen und lassen sich vorab die Impfzertifikate schicken.

WELT: Gibt es schon Beschwerden von Ungeimpften, die Kirche verwehre ihnen den Zugang zu Gottes Altar?

Kurschus: Ja, einzelne solcher Meldungen gibt es. Das Argument lautet: Jesus breite seine Arme für alle aus, da dürften wir doch niemanden ausschließen. Darauf antwortete ich: Gerade weil Jesus alle einlädt, muss sich jeder und jede Einzelne so verhalten, dass wirklich alle kommen können – auch die besonders Gefährdeten, ohne sich einem erhöhten Risiko auszusetzen.

Wer also darauf pocht, es sollten doch alle kommen können, muss auch selber alle im Blick haben und nicht nur sich selbst. Wir wissen längst: Wer sich impfen lässt, schützt auch andere.

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WELT: In pietistisch und evangelikal geprägten Gegenden sind die Impfquoten auffällig niedrig, ist der Widerstand gegen Corona-Schutzmaßnahmen auffällig groß, etwa in Teilen Baden-Württembergs, Nordhessens und Sachsens. Was denken Sie darüber?

Kurschus: Der Grat zwischen Gott vertrauen und Gott versuchen ist sehr schmal. In der biblischen Versuchungsgeschichte führt der Heilige Geist Jesus nach seiner Taufe in die Wüste und konfrontiert ihn mit dem Versucher. Der lockt ihn mit der Frage: Stürz dich von der höchsten Zinne des Tempels, Gott hat versprochen, dass seine Engel dich auffangen. Dir wird also nichts passieren. Das weist Jesus entschieden zurück. Es hieße, Gott zu versuchen.

Gott vertrauen könnte bedeuten, dass wir alles tun, was uns eigene Vorsicht und vernünftige Erkenntnisse der Wissenschaft raten – schließlich ist auch die Vernunft eine Gabe Gottes –, wohl wissend, dass unser Leben letztlich in Gottes Hand liegt.

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