Ungeduldig haben viele Schüler und Eltern darauf gewartet, was die Bundeskanzlerin mit den Länderchefs beschlossen hat. Es gibt ein Datum, es gibt Spielraum – und vieles ist noch ungeklärt.

Von Iris Marx, tagesschau.de

Es ist ruhig in der Schule an der Jungfernheide im Berliner Bezirk Spandau. Die Schulglocke ist ausgestellt und außer dem Hausmeister hält nur die Schulleiterin Karin Stolle die Stellung. Stolle macht sich Gedanken, wie es mit dem Corona-Shutdown weitergehen soll. Sorgen machen ihr vor allem die Schüler, die in den nächsten Wochen vor wichtigen Prüfungen stehen. “Die müssen eigentlich jetzt sofort wieder in die Schule. Das wird ein wahnsinniger Stress für sie.”

“Einige Schüler sind einfach abgetaucht”

Es habe nicht bei allen funktioniert, in einem dauerhaften Kontakt zu bleiben. “Einige Schüler sind einfach abgetaucht. Wir haben sie zuerst per E-Mail kontaktiert, dann die Eltern. Es kommt aber einfach nichts.” Besonders tragisch sei dies, weil darunter auch Kinder seien, “von denen wir das nicht erwartet haben, leistungsstarke Schüler”, sagt Stolle.

Mit großer Spannung hat die Schulleiterin das Ergebnis der Gespräche zwischen Bundeskanzlerin Merkel und den Länderchefs abgewartet. Aber so schnell wie möglich scheint es nicht zu geben. Nach dem Beschluss, den der Bund mit den Ländern vereinbart hat, dürfen frühestens Anfang Mai die Schulen wieder öffnen – allerdings nur schrittweise. Zunächst sollen die oberen Jahrgänge, vor allem die Abschlussklassen und “qualifikationsrelevanten Jahrgänge der allgemeinbildenden sowie berufsbildenden Schulen wieder öffnen. Zudem soll auch die letzte Klasse der Grundschulen beschult werden. Das heißt auch, dass Kita-Kinder weiter Zuhause bleiben müssen.

Merkel sagte in der anschließenden Pressekonferenz: “Ich weiß, es ist eine ganz, ganz schwierige Situation für Eltern, dass ihre Kinder keine anderen Freunde treffen können, dass es nur eine Notbetreuung gibt, dass die aller meisten Zuhause sind und trotzdem müssen wir, um Menschenleben zu sichern, ganz behutsam vorgehen.“

Spielraum für die Bundesländer

“Es werde allerdings keinen einheitlichen Stichtag bundesweit geben, an dem eine bestimmte Klasse aufmacht”, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Es gebe einen gewissen Spielraum. Jedes Land sei auch unterschiedlich von der Corona-Pandemie betroffen. Bayern plant einen ersten Schulstart erst für den 11. Mai. Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen wollen allerdings schon am 27. April die ersten Klassen wieder beschulen, Nordrhein Westfalen sogar schon nächste Woche.

Die Frage sorgte bereits am Vortag zwischen Söder und dem Ministerpräsidenten von NRW, Armin Laschet (CDU), für Diskussionen. Das Gespräch zwischen den Regierungschefs und der Bundeskanzlerin scheint nicht leicht gewesen zu sein. Es habe auch Länderchefs gegeben, die hätten gesagt, eigentlich müssten wir doch stärker in die Normalität zurück, berichtet Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Aber man sei sich dann doch am Ende einig gewesen, es nur leicht dosiert zu machen.

Schulen müssen Hygienepläne umsetzen

Allerdings steht selbst diese schrittweise Öffnung unter einem erheblichen Vorbehalt: Die Schulen müssen erst “notwendige Vorbereitungsmaßnahmen” treffen. Denn auch in den Schulen müssen die Abstandsregeln von mindestens 1,5 m weiter eingehalten werden. Das bedeutet kleinere Lerngruppen und in den Pausen müssen die Schulen darauf achten, dass auch dort sich die Schüler nicht zu nahe kommen. Zudem sind die Schulträger dazu aufgerufen, die hygienischen Voraussetzungen vor Ort zu schaffen und dauerhaft sicherzustellen. Die Kultusministerkonferenz soll zum 29. April ein Konzept darüber vorlegen, wie unter diesen Gegebenheiten der Unterricht wieder aufgenommen werden kann.

Bundeselternrat sieht Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Der Vorsitzende des Bundeselternrats Stephan Wassmuth ist grundsätzlich mit dem Tenor des Beschlusses einverstanden. Aber gerade bei den Voraussetzungen hat er “Bauchschmerzen”, wie er es tagesschau.de sagt. “Es ist leider viel Zeit verloren gegangen, in der man das schon hätte angehen können”. Es gehe nicht nur um die Hygiene, sondern auch um ausreichendes Personal, um einen geordneten Schulbetrieb sicherstellen zu können.

Auch die Berliner Schulleiterin Stolle sieht sich vor einer großen Herausforderung gestellt. “Wir wissen gar nicht, wie wir das jetzt umsetzen können. Wir haben natürlich Desinfektionsmittel, Seifen und Papier, aber darüber hinaus?” Ihre Schule hat darauf keinen Hinweis bekommen, um sich darauf vorzubereiten. “Wenn wir erst am 4. Mai die oberen Klassen wieder öffnen, dann steht schon zwei Tage später eigentlich eine Präsentationsprüfung der 10. Klasse an. Wie soll das funktionieren?”, fragt Stolle.

Antworten werden die einzelnen Bundesländer nun schnell geben müssen, damit überhaupt eine Klasse am 4. Mai einen ersten Schritt in Richtung Schulalltag gehen kann.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. April 2020 um 22:45 Uhr.

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